Impostor-Syndrom: Wenn Erfolg sich wie Betrug anfühlt

Im Podcast fällt das Wort, oder eine Freundin sagt es beiläufig beim Kaffee. Und du denkst: Das bin ich. Gleich danach: Ist das das, was ich habe? Und ist es schlimm?
Das Impostor-Syndrom, auch Hochstapler-Syndrom genannt, beschreibt das Gefühl, trotz nachweisbarer Leistungen nicht wirklich kompetent zu sein und früher oder später als Betrügerin enttarnt zu werden. Fachleute sprechen meist vom Impostor-Phänomen, weil es keine anerkannte Diagnose ist, sondern ein Erlebensmuster. Typisch ist, dass Erfolge dem Zufall, dem Timing oder der Hilfe anderer zugeschrieben werden, während jeder Zweifel als Beweis zählt. Betroffen sind oft gerade Menschen, die viel können, hohe Maßstäbe haben und genau hinschauen. Das Muster ist beschrieben, erforscht und gut erklärbar, und was du verstehst, lässt sich meist verändern. Dieser Artikel zeigt dir, woran du es erkennst, woher es kommt und welche ersten Perspektivwechsel dich entlasten können.

Was steckt hinter dem Hochstapler-Gefühl?
Der Begriff stammt aus den 1970er-Jahren. Die Psychologinnen Pauline Clance und Suzanne Imes beschrieben 1978 bei hoch erfolgreichen Frauen ein inneres Erleben, intellektuell eine Fassade zu sein. Trotz herausragender Abschlüsse und Karrieren blieben diese Frauen überzeugt, nicht wirklich klug zu sein und andere getäuscht zu haben. Wiederholte Erfolge allein, so ihre Beobachtung, durchbrachen diesen Kreislauf nicht.
Seitdem wurde viel geforscht. Eine Übersichtsarbeit mit 62 Studien fand je nach Fragebogen Häufigkeiten zwischen 9 und 82 Prozent und beschreibt das Phänomen bei Männern und Frauen in vielen Altersgruppen. Dieselbe Arbeit weist darauf hin, dass es keine offiziell anerkannte klinische Diagnose ist. Für dich heißt das: Du bist mit diesem Gefühl nicht allein, und du musst es nicht als Krankheit lesen.
Wozu dient so ein Gefühl überhaupt? Es kann eine Schutzfunktion haben: Wer damit rechnet, enttarnt zu werden, wird nicht überrascht. Der Preis dafür ist hoch. Du bist ständig wachsam, arbeitest mehr als nötig, und Erfolge setzen sich nie, sie sind nur vorläufig.
Woran erkennst du Impostor-Gefühle im Alltag?
Das Muster zeigt sich selten in großen Dramen, sondern in kleinen Gedanken. Du bekommst eine Beförderung und denkst: Die haben sich geirrt. Oder: Ich hatte Glück mit dem Timing. Du wirst gelobt und winkst ab: Das war doch nichts Besonderes. Du schreibst die Präsentation dreimal um, weil du glaubst, sonst falle auf, dass du es nicht kannst. Und wenn es gut gelaufen ist, merkst du kaum Freude, nur Erleichterung, dass es diesmal nicht aufgeflogen ist.
Typisch ist ein Kreislauf: Aus Angst, enttarnt zu werden, bereitest du dich übermäßig vor. Das Ergebnis ist gut. Du schreibst es der Mehrarbeit zu, nicht deinem Können, und beim nächsten Mal musst du noch mehr tun. Der Erfolg bestätigt dann nicht deine Fähigkeiten, sondern deine Strategie, nicht aufzufallen. Manche erleben es auch umgekehrt: Sie schieben Aufgaben auf, bis der Druck groß ist, oder sagen im Meeting weniger, als sie wissen, um sich keine Blöße zu geben.
Warum trifft es gerade Menschen, die viel können?
Das wirkt paradox, ergibt aber Sinn, wenn man sich die Mechanik ansieht. Wer viel weiß, sieht auch, wie viel er nicht weiß. Je tiefer du in ein Fach einsteigst, desto größer wird das Feld des Ungewussten. Daraus entsteht leicht der Schluss, andere wüssten mehr, obwohl es ihnen genauso geht. Du misst dich an der Spitze statt am Durchschnitt und an dem, was fehlt, statt an dem, was da ist.
Dazu kommt, wie Erfolg verbucht wird. Wer Erfolge auf äußere Umstände zurückführt und Fehler auf sich selbst, bleibt trotz guter Bilanz im Zweifel. Clance und Imes sahen Wurzeln außerdem in frühen Familiendynamiken, etwa in der Rolle der „Klugen“ in der Familie, oder in einem Geschwister, das diese Rolle hatte, und im Gefühl, ihr selbst nie ganz zu entsprechen. Auch Rollenbilder spielten eine Rolle.
Und dann ist da der Selbstwert. Hängt er an Leistung, ist jede Aufgabe ein neuer Beleg, der erst noch bestanden werden muss. Wie das auch bei objektiv guter Bilanz zu Selbstzweifel trotz Erfolg führen kann, beschreibe ich in einem eigenen Beitrag.
Feinfühlige Menschen: Warum es oft besonders laut ist
Feinfühlige Menschen nehmen Erwartungen, Blicke und Zwischentöne besonders genau wahr. Das ist eine Stärke, im Job wie im Miteinander. Es kann aber dazu führen, dass jede Rückmeldung genau geprüft wird, und dass die Kritik darin lauter ankommt als das Lob. Wer dann noch hohe Ansprüche an sich selbst stellt, bis hin zum Perfektionismus, hört vor allem das, was noch fehlt. Das ist eine mögliche Erklärung, kein gesicherter Befund. Aber vielleicht erkennst du dich darin wieder.
Habe ich das Hochstapler-Syndrom? Ein Selbstcheck
Ein Test, der dir verlässlich sagt, ob du „es hast“, kann dieser Artikel nicht sein. In der Forschung gibt es Fragebögen, doch sie liefern je nach Schwelle sehr unterschiedliche Ergebnisse, und Online-Tests sind bestenfalls ein Anstoß. Nimm die folgenden Aussagen deshalb als Einladung zum Hinschauen, nicht als Diagnose:
• Wenn ich Erfolg habe, denke ich zuerst an Glück, Timing oder Hilfe von anderen, nicht an mein Können.
• Lob fällt mir schwer anzunehmen. Ich relativiere oder winke ab.
• Ich bereite mich oft deutlich mehr vor, als die Aufgabe verlangt, aus Sorge, sonst aufzufliegen.
• Ich habe das Gefühl, dass andere mich überschätzen, und fürchte den Moment, in dem es auffällt.
• Neue Aufgaben, Sichtbarkeit oder eine Beförderung lösen bei mir eher Sorge als Freude aus.
• Fehler merke ich mir lange, Erfolge verblassen schnell.
Erkennst du dich in mehreren dieser Aussagen häufiger wieder, kann das ein Hinweis sein, dass dieses Muster bei dir eine Rolle spielt. Ein Urteil über dich ist es nicht. Kommen Niedergeschlagenheit, anhaltende Angst oder Erschöpfung dazu, ist ein Gespräch mit einer Ärztin oder einem Psychotherapeuten sinnvoll: In der Forschung tritt das Hochstapler-Erleben häufig zusammen mit Depression und Angst auf.
Betrifft das Hochstapler-Gefühl nur Frauen?
Ursprünglich beschrieben Clance und Imes es bei Frauen, und bis heute erkennen sich viele Frauen in dem Begriff wieder. Die Forschung zeigt aber, dass es bei Männern und Frauen vorkommt. Warum Frauen es oft ausgeprägter erleben, wird diskutiert, etwa mit Rollenbildern und ungleichen Rückmeldungen. Gesicherte Aussagen sind schwierig, weil die Ergebnisse je nach Messung stark schwanken.
Wirst du enttarnt – oder ist das nur eine Ausrede?
Das sind die zwei Ängste, die unter dem Wort liegen: dass du tatsächlich enttarnt wirst. Und dass „Impostor“ nur ein schickes Wort für echte Inkompetenz ist, eine Ausrede, hinter der du dich versteckst.
Zur ersten: Es gibt nichts zu enttarnen. Lücken hast du, wie jede Fachfrau und jeder Fachmann, und sie sind kein Beweis, dass dein Weg ein Zufall war. Du hast Abschlüsse, Projekte, Rückmeldungen, Verantwortung. Das sind Fakten, auch wenn sie sich nicht wie welche anfühlen. Und das Gefühl, eine Betrügerin zu sein, macht dich nicht zu einer.
Zur zweiten: Es ist keine Ausrede. Es ist ein seit Jahrzehnten beschriebenes und erforschtes Muster. Zweifel an dir sind kein Beleg für fehlende Kompetenz. Sie sagen, wie du dich bewertest, nicht, wie gut du bist. Du bist auch nicht undankbar oder dramatisch, nur weil du dich trotz Erfolg nicht freuen kannst. Du hast ein Muster gelernt, das dich schützen wollte.
Erste Perspektivwechsel statt schneller Lösungen
Ehrlich gesagt gibt es hier keinen Trick. Die AutorInnen stellen fest, dass Behandlungsansätze bisher kaum untersucht wurden. Sichere Rezepte gibt es also nicht. Was du tun kannst, ist hinschauen. Drei Blickwinkel können den Anfang machen.
Zweifel sind Gedanken, keine Fakten. Der Satz „Ich bin nicht gut genug“ fühlt sich an wie Wissen. Er ist eine Bewertung, und Bewertungen lassen sich prüfen.
Wer kommentiert da eigentlich? Oft ist es der innere Kritiker, eine alte Stimme, die mit Strenge Fehler verhindern wollte. Woher der innere Kritiker kommt und was er eigentlich will, steht in einem eigenen Artikel.
Achte darauf, wem du was zuschreibst. Gehen Erfolge an Glück und Fehler an dich? Das ist keine Charakterschwäche, sondern ein Muster, das du bemerken kannst, bevor du es veränderst. Was du darüber hinaus tun kannst, steht im Beitrag Selbstzweifel überwinden.
Im Coaching schauen wir auf die Fakten deiner Laufbahn
Gefühle lassen sich nicht wegargumentieren. Aber sie lassen sich an der Wirklichkeit prüfen. Im Coaching für Selbstbewusstsein schauen wir gemeinsam auf die Fakten deiner Laufbahn: Was hast du tatsächlich geleistet, welche Rolle hattest du, und was passiert in dir, wenn du das anschaust (psychologische Beratung)? Danach geht es darum, wie du Anerkennung annehmen und dein Selbstbewusstsein im Job aufbauen kannst, ohne dich ständig neu beweisen zu müssen (systemisches Coaching). Das Vorgespräch dauert 15 Minuten, ist kostenlos und unverbindlich, und alles findet online per Video statt.
Häufige Fragen zum Hochstapler-Gefühl
Was ist der Unterschied zwischen Hochstapler-Gefühl und normalen Selbstzweifeln? Selbstzweifel können jeden treffen und betreffen meist einzelne Situationen. Beim Hochstapler-Gefühl zweifelst du nicht nur an einer Aufgabe, sondern an deiner Berechtigung insgesamt und erwartest, entlarvt zu werden, auch wenn alles gut läuft.
Gibt es einen zuverlässigen Test für das Hochstapler-Syndrom? In der Forschung werden Fragebögen eingesetzt, doch die Ergebnisse hängen stark von der Schwelle ab, was die Häufigkeit zwischen 9 und 82 Prozent schwanken lässt. Online-Tests können ein Anstoß zum Nachdenken sein, ersetzen aber keine Einschätzung durch eine Fachperson.
Betrifft das Hochstapler-Syndrom nur Frauen? Nein. Beschrieben wurde es zuerst bei Frauen, die Forschung findet es aber bei Männern und Frauen und in vielen Altersgruppen. Wie stark es erlebt wird, hängt auch von Rollenbildern und Umfeld ab.
Ist das Hochstapler-Gefühl eine psychische Erkrankung? Es ist keine anerkannte Diagnose, sondern ein Erlebensmuster. Es kann aber zusammen mit Depression oder Angststörung auftreten. Bei anhaltender Niedergeschlagenheit, starker Angst oder Erschöpfung ist eine ärztliche oder psychotherapeutische Abklärung der richtige Weg. Coaching kann begleiten, aber eine Therapie nicht ersetzen.
Hilft Coaching bei Hochstapler-Gefühlen? Wenn du im Alltag funktionierst und das Muster verstehen und verändern möchtest, kann Coaching ein passender Rahmen sein. Wie das Online-Coaching für Selbstbewusstsein abläuft und für wen es passt, steht auf der Angebotsseite. Versprechen, dass das Gefühl vollständig verschwindet, gibt es nicht.
Quellen und fachliche Grundlagen
Die Quellen erläutern mögliche Zusammenhänge. Sie ersetzen keine individuelle Einschätzung und erklären nicht automatisch deine persönliche Situation.
Clance, P. R. & Imes, S. A. (1978): The impostor phenomenon in high achieving women: Dynamics and therapeutic intervention. Psychotherapy: Theory, Research & Practice, 15(3), 241–247. Ursprüngliche Beschreibung des Phänomens.
Bravata, D. M. et al. (2020): Prevalence, predictors, and treatment of impostor syndrome: a systematic review. Journal of General Internal Medicine, 35(4), 1252–1275. Häufigkeit, Begleiterscheinungen und Forschungsstand.
Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG): Depression. Einordnung und Anlaufstellen bei anhaltender psychischer Belastung.
Über die Autorin
Ich bin Anastasia Zeziulina, zertifizierte Coachin (DCV, IOBC), und verbinde systemisches Coaching mit psychologischer Beratung. Ich begleite feinfühlige, reflektierte Menschen an Wendepunkten – bei Selbstzweifeln, Abgrenzung, beruflicher Neuorientierung und nach Erschöpfung. Ich arbeite ausschließlich online per Video. Mehr über mich.




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